Spenden und Augenhöhe
Wenn aus Förderung Forderung wird, wird aus Zutrauen Selbstvertrauen
Hilfe hat für gewöhnlich ein eingebautes Gefälle. Die einen verfügen über etwas, das andere gerade brauchen: Geld, Wissen, Zeit, Zugang… Dieses Gefälle scheint bei Spenden umso größer und stellt eine Frage, die uns in der Jugendhilfe täglich beschäftigt: Wie gelingt Unterstützung wirklich auf Augenhöhe?
Eine mögliche Antwort darauf lautet: indem wir nicht nur geben, sondern zutrauen.
Genau das versuchen wir gerade mit unserem Projekt „Pädagogisches Wohnen“ in den stationären Hilfen von Evin e. V.
Dank einer großzügigen Förderung der Roswith Linden Stiftung können wir Wohnungen und Gemeinschaftsräume unserer Jugendlichen neu gestalten. Natürlich könnten wir nun enfach eine Einkaufsliste schreiben, Möbel bestellen und am Ende hübschere Räume übergeben.
Wir haben uns für den komplizierteren Weg entschieden:
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen übernehmen selbst. Gemeinsam schauen sie, was in ihren Wohnungen tatsächlich gebraucht wird und was sie verändern möchten. Sie entwickeln Ideen, recherchieren, vergleichen Preise und müssen mit einem realen Budget auskommen. Sie diskutieren unterschiedliche Vorstellungen, setzen Prioritäten und erstellen konkrete Vorschläge. Und wenn entschieden ist, wird nicht einfach geliefert: Auch Einkauf, Organisation und Gestaltung sollen sie so weit wie möglich selbst übernehmen.
Unsere Fachkräfte begleiten diesen Prozess. Aber sie nehmen ihn ihnen nicht ab.
Denn Augenhöhe bedeutet für uns nicht, nichts zu erwarten. Im Gegenteil.
Wir trauen den jungen Menschen zu, mit Geld verantwortungsvoll umzugehen. Wir erwarten, dass sie Entscheidungen begründen und Kompromisse aushandeln. Dass sie Verantwortung übernehmen, wenn aus einer Idee ein konkretes Vorhaben wird. Und auch, dass einmal etwas nicht funktioniert und neu gedacht werden muss.
Aus Förderung wird damit auch Forderung. Nicht im Sinne von Druck oder Gegenleistung, sondern als Ausdruck von Zutrauen: Wir glauben, dass du das kannst. Also geben wir dir die Möglichkeit, es selbst zu tun.
Am Ende dieses Projekts werden einige Räume anders aussehen als heute. Das ist der sichtbare Teil.
Der wichtigere Teil lässt sich schlechter fotografieren: die Erfahrung, etwas selbst bewirken zu können.
Und genau deshalb gehört dieses kleine Projekt für uns auch in eine sehr viel größere Debatte.
#Unkürzbarkeit
In Zeiten knapper öffentlicher Haushalte wird Jugendhilfe zwangsläufig auch in Euro, Stellenanteilen, Fachleistungsstunden und Platzzahlen verhandelt. Wirtschaftlichkeit gehört zu unserer Verantwortung als Träger.
Was in diesen Rechnungen allerdings leicht unsichtbar wird, ist das, was Jugendhilfe überhaupt erst möglich macht.
Selbstständigkeit beginnt nicht mit dem 18. Geburtstag.
Teilhabe beginnt nicht mit einem Bescheid.
Berufliche Handlungsfähigkeit beginnt nicht am ersten Ausbildungstag.
Sie entstehen vorher. In unzähligen Situationen, in denen junge Menschen ausprobieren, scheitern, neu entscheiden, Verantwortung übernehmen und erleben dürfen, dass ihr eigenes Handeln einen Unterschied macht.
Dass wir unseren jungen Menschen mit dem „Pädagogischen Wohnen“ einen solchen Erfahrungsraum eröffnen können, verdanken wir der Roswith Linden Stiftung Berlin und ihrer Förderung.
Dafür sagen wir von Herzen Danke – für die finanzielle Unterstützung, für das Vertrauen in unsere Arbeit und vor allem für eine Förderung, die uns ermöglicht, jungen Menschen nicht einfach etwas zu geben, sondern ihnen Verantwortung zu übergeben und zuzutrauen, dass sie daraus etwas Sinnvolles machen.
Vielleicht beginnt Augenhöhe genau hier.